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  1. Häusliche Gewalt
  2. Helfen und Schützen

Häusliche Gewalt - Wenn ein Kind Gewalt in der eigenen Familie erlebt

von Beate Schädler – Frauenhaus und -beratungsstelle Neuruppin, Referentin für „Tandem-Fortbildungen Frauen- und Kinderschutz“

Peter verkriecht sich unter die Bettdecke. Er zittert am ganzen Körper. Gerade war er am Einschlafen, da fing es wieder an. Laute Stimmen, die Eltern streiten. Peter hört es klatschen und weiß: Nun schlägt der Vater wieder zu. Seine Mutter wimmert. Er weiß, er müsste ihr helfen, aber er traut sich nicht. Vor Wut über seine eigene Feigheit und Ohnmacht beißt er sich auf die Lippen, bis er Blut schmeckt. Warum nur? Was macht er falsch, dass der Vater immer so entsetzlich wütend wird? – Morgens sieht Peter die Mutter bleich am Herd stehen und erlebt, wie sie ihm teilnahmslos das Frühstück bereitet, wie sie den Kopf wegdreht, damit er ihre Verletzungen nicht entdeckt. Er sieht die rote, geschwollene Wange trotzdem und erschrickt. – Beide haben keine Worte. Dann schleicht er unausgeschlafen und aufgewühlt in die Schule.

Wie Peter geben sich viele Kinder die Schuld daran, dass in ihrer Familie Gewalt herrscht. Sie denken, wenn sie nur alles richtig machten, würden die Eltern sich nicht streiten und der Vater nicht so aggressiv werden; könnte es so schön zuhause sein.

Häusliche Gewalt umfasst alle Formen physischer, sexueller und/oder psychischer Gewalt in Partnerschaften.
Häusliche Gewalt dient der Macht und Kontrolle eines Menschen gegenüber der/dem Partner/in und ist abzugrenzen von Streitereien, die in jeder Partnerschaft auftreten und bei der sich die Partner/innen gleichwertig gegenüber stehen. Bei Häuslicher Gewalt gibt es immer ein „Oben“ und ein „Unten“, „Gewinner“ und „Verlierer“, d. h. ein/e Partner/in erhebt sich über den anderen, indem er nicht vor Gewaltanwendung zurückschreckt oder diese sogar mit Absicht einsetzt. Die erlittenen Schläge, Diskriminierungen und Beleidigungen lösen nicht nur beim unmittelbar betroffenen Opfer, sondern auch bei Kindern, die dies miterleben, Gefühle der Hilflosigkeit aus. Opfer und Kinder fühlen sich ohnmächtig, klein und wertlos.

Häusliche Gewalt geht zu 99 Prozent von Männern aus
Täter bei Kindesmisshandlung sind in gleicher Zahl Männer und Frauen. Häusliche Gewalt hingegen geht laut polizeilicher Kriminalstatistik zu 99 Prozent von Männern aus. Jede vierte in Deutschland lebende Frau hat körperliche oder sexuelle Gewalt – oder auch beides – durch ihren aktuellen oder einen früheren Beziehungspartner erlebt. Oft genug sind Kinder „Augen- und Ohrenzeuge“ dieser Übergriffe. Dies zeigt die repräsentative Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“, die Monika Schröttle und Ursula Müller 2004 im Auftrag des BMfSFJ verfasst haben. 60 Prozent der von Gewalt betroffenen Frauen geben darin an, während der gewaltsamen Paarbeziehung auch mit Kindern zusammengelebt zu haben. Diese Zahlen korrespondieren auch mit anderen Erhebungen: Auf Grundlage der bundesweit in den Frauenhäusern erhobenen Statistik, nach der pro Jahr rund 45.000 Frauen aufgenommen werden, wird geschätzt, dass von Häuslicher Gewalt jährlich 50.000 bis 70.000 Kinder betroffen sind.

Häusliche Gewalt ist ein hoher Risikofaktor für Kindeswohlgefährdung
Wenn zuhause Gewalt zwischen den Erwachsenen herrscht, geraten in einer Vielzahl der Fälle Kinder in die Auseinandersetzungen hinein. Oft versuchen sie, ihre Mutter vor der Gewalt des Mannes zu schützen oder sind, z. B.  auf dem Arm der Mutter, unmittelbar selbst von Gewalt betroffen. Darüber hinaus sind bei Häuslicher Gewalt die Kinder häufig selbst einem erhöhten Misshandlungsrisiko ausgesetzt: Der Studie von Schröttle und Müller zufolge erleiden Kinder in jedem zehnten Fall von Partnerschaftsgewalt direkte körperliche und/oder seelische Misshandlungen. Der enge Zusammenhang von Häuslicher Gewalt und Kindeswohlgefährdung wird auch von vielen Wissenschaftlern beschrieben, u. a. von Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut in München (Verlag Frauenoffensive 2008). (Erkennen von Kindeswohlgefährdung)

Doch auch in den Fällen, bei denen Kinder körperlich unversehrt bleiben, sind sie niemals nur Zeugen, sondern immer auch Leidtragende. In verschiedenen Untersuchungen wurde festgestellt, dass das Miterleben von Partnerschaftsgewalt massive Auswirkungen auf die betroffenen Kinder hat und deren Entwicklung in erheblichem Ausmaß beeinträchtigen kann. Das Miterleben von Gewalt wirkt auf das Kind einschüchternd, beängstigend, beschämend und in seinen sozialen Kontakten einschränkend bis völlig isolierend. So antwortet der kindliche Körper mit Symptomen gesundheitlicher Schädigung, Entwicklungsverzögerungen im kognitiven oder motorischen Bereich sowie Störungen im sozialen Verhalten. Die Kinder reagieren nach außen erkennbar u. a. mit aggressivem, grenzverletzendem, selbst- und fremdverletzendem, introvertiertem und/oder depressivem Verhalten, mit Suizidalität, Schlaflosigkeit, Unkonzentriertheit und Schreckhaftigkeit. (Folgen von Kindeswohlgefährdung)

Mutter und Kind Hilfe anbieten – niemals den Gewalttäter konfrontieren

Freunde, Verwandte oder Nachbarn, die beobachten, dass ein Mann seine Frau misshandelt oder, dass ein Kind dabei verletzt wird oder allein durch sein Miterleben der Gewalt verstört, aggressiv oder zurückgezogen reagiert, wollen helfen, wissen aber oft nicht wie. Fachleute warnen eindringlich davor, den Täter mit den Beobachtungen zu konfrontieren. „Wir appellieren, niemals den Täter auf die häusliche Situation anzusprechen. Wichtig ist, der Frau unmittelbar Unterstützung darin zu geben, sich und ihr Kind aus dem Gefahrenbereich zu bringen.“ Beate Schädler weiß aus ihrer Arbeit im Frauenhaus und bei der Frauenberatungsstelle Neuruppin, wovon sie spricht: „Eine offen ausgesprochene Trennung – und sei es auch nur eine angekündigte – erhöht die Aggressivität bei dem gewalttätigen Partner um ein Vielfaches: Es besteht für die Frau die ernstzunehmende Gefahr ermordet zu werden.“ 
Beate Schädler und ihre Kolleginnen raten, Opfer von Partnerschaftsgewalt behutsam auf die häusliche Situation anzusprechen. Die Frauen reagieren oft zuerst abwehrend und bagatellisierend: „Anders hätten sie die Gewalt nicht ertragen können.“ Aus Scham und einem Gefühl der Abhängigkeit heraus zögern viele Frauen, sich selbst Hilfe zu holen und setzten damit natürlich auch ihre Kinder weiterhin dieser Gewalt aus. Deshalb sei die Unterstützung von außen so wichtig, betonen die Expertinnen der Frauenunterstützungseinrichtungen. (XY... ungelöst)

Unterstützung finden Opfer Häuslicher Gewalt sowie besorgte Freunde, Verwandte oder Nachbarn insbesondere bei Frauenberatungsstellen und Frauenhäusern, die es im Land Brandenburg in jedem Landkreis gibt, sowie bei Beratungsangeboten für Männer. (Beratung, Opferschutz- und -hilfe)

Info

  • Die Telefonnummern der Frauenberatungsstellen oder Frauenhäuser im Land Brandenburg finden Sie unter: www.frauenhaeuser-brandenburg.de. Die Adressen der Häuser sind geheim.
  • Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser e. V. : Empfehlungen für Jugendämter in Fällen häuslicher Gewalt. Die Broschüre ist als Download auf der Website der Fachstelle Kinderschutz veröffentlicht: front_content.php?idcat=102.
  • Das Gewaltschutzhaus Lindenhof Ketzin bietet Soforthilfe auch für Männer, Telefon: (033233) 30829 oder
    E-Mail: info@kvm-ev.de.
  • Information, Bildung und Beratung für Jungen und Männer bieten Manne e. V. – Potsdam: www.mannepotsdam.de, Telefon: 0331 7480897 und Männerberatung – Unterstützung in Krisen und bei familiärer Gewalt: www.maennerberatung.de, Telefon (030) 49 916 880.

 

Helfen und Schützen - Unterstützung und Schutz sind gesetzlich geregelt

Kinder können sich in der Regel selbst sehr gut helfen und holen sich, was sie brauchen. Vorausgesetzt sie haben Eltern, die ihnen Verständnis, Vertrauen und verlässliche, stabile Beziehungen bieten. Deshalb sieht das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) für Eltern und alle, die Erziehungsverantwortung tragen, zahlreiche Möglichkeiten der Hilfen und des Schutzes vor.

Der beste Kinderschutz: Hilfen für Eltern

Erste Ansprechpartner für Familien sind dabei die Mitarbeiter im Jugendamt. (Jugendamt) Die Möglichkeiten von Hilfe und Schutz reichen von Information über Beratung bis hin zur Unterstützung in Krisensituationen. So können sich Eltern bei Unsicherheiten in Erziehungsfragen oder bei Problemen in der Partnerschaft kostenlose Beratung und Unterstützung holen. Diese Hilfen fallen unter Angebote der Familienbildung und Beratung. (Beratung) Außerdem gibt es Unterstützungin belastenden Familiensituationen: Familien mit einem sehr geringen Einkommen können Zuschüsse für einen Ferienaufenthalt erhalten. Auch Eltern-Kind-Zentren bieten Familienfreizeiten und -erholung an. Weitere Angebote für Familien beziehen sich auf die Betreuung und Versorgung von Kindern in Notsituationen, zum Beispiel, wenn ein Elternteil erkrankt ist. So sieht es das Gesetz vor, dass Familien bei Bedarf zum Beispiel durch eine Tagespflegemutter oder eine häusliche Pflegekraft unterstützt werden. Für junge Alleinerziehende mit Kindern unter sechs Jahren und Schwangere gibt es Unterstützung durch betreute Formen der Unterkunft. (Ungewollt schwanger) All diese Angebote sind im SGB VIII unter den Paragrafen 16 bis 26 bestimmt. In anhaltenden Krisensituationen, in denen Eltern mitder Erziehung stark überfordert sind, gibt es zudem die so genannte „Hilfe zur Erziehung” (§§ 27). Diese Hilfen werden zum Beispiel als Erziehungsberatung, Sozialpädagogische Familienhilfe oder als Unterbringung im Heim oder in einer Pflegefamilie angeboten.

Hilfen für Eltern sind der beste Kinderschutz. Meistens! Es gibt aber auch Situationen, in denen Kinder vor ihren Eltern geschützt werden müssen. Wenn Eltern nicht bereit oder in der Lage sind, sich um das Wohl ihres Kindes zu kümmern, kann das Jugendamt Kinder auch gegen den Willen der Eltern aus der Familie heraus in Obhut nehmen und das Familiengericht einschalten. Dieses muss dann die Inobhutnahme spätestens vor Ablauf des darauf folgenden Tages und damit eine längerfristige Herausnahme des Kindes aus seiner Familie bestätigen. Auch das ist im Kinder- und Jugendhilfegesetz geregelt.

Nicht nur das Jugendamt steht in der Pflicht


Eltern und Kinder haben ein Recht auf Hilfe und Schutz in für sie schwierigen Situationen. Unterstützung finden sie dabei nicht nur durch die Jugendhilfe. Verantwortung für Kinder tragen auch andere Bereiche der Gesellschaft . Öffentliche Institutionen der Gesundheitshilfe (Medizinische Grundversorgung), Sozialhilfe oder die Schule sind genauso in der Pflicht wie das private Umfeld. Es ist eine große Entlastung für Eltern, wenn sie sich im Notfall auf die Nachbarin oder einen guten Freund verlassen können.


Info

  • Adressen von Eltern-Kind-Zentren im Land Brandenburg gibt es unter www.uebik.de.

 

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