Fachstelle Kinderschutz

Navigation

Inhalt

Stimmen zum Kinderschutzgesetz

Deutschlandfunk berichtete zum neuen Kinderschutzgesetz in einer Hintergrund-Reportage. Zu Wort kommen Politiker und Praktiker aus dem gesamten Bundesgebiet. Auch die Fachstelle Kinderschutz im Land Brandenburg wurde ausführlich nach ihrer fachlichen Einschätzung befragt.

Hintergrund: Vernachlässigt, verprügelt, verhungert - Neues Gesetz für mehr Kinderschutz in Deutschland". Von Verena Herb und Axel Flemming, dradio.de.

Auszug:

Die Aufmerksamkeit schärfen, Schwachstellen finden, lautete die Devise in Brandenburg. Bildungsministerin Martina Münch, selbst Mutter von sieben Kindern:

"Wir können das nicht ausschließen, dass es immer wieder zu solchen schrecklichen Einzelfällen kommt. Aber wir sind sehr viel aufmerksamer geworden, sowohl was die Gesellschaft betrifft. Die Bereitschaft, das Jugendamt einzuschalten, ist sehr viel höher geworden. Und wir schauen sehr viel sensibler auch hin, wo tatsächlich ein Problem sein könnte."

Hans Leitner, Diplompädagoge und Erzieher, hat für das Jugend- und Bildungsministerium alle verdächtigen Todesfälle von Kindern in Brandenburg über den Zeitraum von sechs Jahren untersucht und kommt auch zu einem selbstkritischen Schluss:

"Was wir schon festgestellt haben, ist zum Teil das Unvermögen von Eltern oder Sorgeberechtigten mit Konflikten umzugehen, weil sie selbst keine entsprechenden Erfahrungen in der Kindheit gesammelt haben; ist zum Teil mangelnde Aufmerksamkeit und Umsicht von Nachbarn, Wohnungsbaugesellschaften, Handwerkern. Aber es passiert hier und da eben auch im professionellen Bereich, dass man Dinge übersieht, nicht rechtzeitig erkennt oder sie nicht richtig bewertet."

Leitner ist jetzt Leiter der Fachstelle Kinderschutz, eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung, finanziert über Zuwendungen des Landes Brandenburg. Sie wurde 2006 als Konsequenz aus den Fällen gegründet, bei denen auch Ämter und Behörden versagt haben. Für Leitner ist Kinderschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

"Tote Kinder, misshandelte Kinder, vernachlässigte Kinder haben wir bundesweit, haben wir weltweit. Also, ich glaube, das ist ein Phänomen auch zivilgesellschaftlichen Miteinanders."

"Familien helfen - Kinder schützen", mit diesem Ziel hat die Landesregierung ein Programm zur Qualifizierung beschlossen.

Die Fachstelle Kinderschutz macht dazu Angebote an die Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Mitarbeiter in Jugendämtern, Kitas, Beratungsstellen, Horten oder Jugendclubs sollen für das Thema "Kinderschutz" sensibilisiert und zusätzlich qualifiziert werden.

"Wir werden ja gerufen. Also, insofern ist das schon eine hohe Freiwilligkeit auf der Basis der Zusammenarbeit. Die Brandenburger Jugendämter haben Beratungskontingente, die sie nutzen können, und wir werden relativ regelmäßig und kontinuierlich auch angesprochen in vielerlei Problematiken. Es gibt Jugendämter, gerade wenn so strukturelle Entwicklungen auf der Tagesordnung stehen, da werden wir etwas dichter gerufen, wenn ein schwieriger Fall auftaucht, da werden wir gerufen, um zu vermitteln, um fachzuberaten ..."

... und die Fachstelle Kinderschutz hilft auch, die Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendhilfe mit anderen Bereichen wie Schule, Gesundheit und Polizei zu verbessern.

"Schwieriger ist es eher für den Staat, sprich auch für das Jugendamt Kenntnis zu Informationen zu bekommen, die in Familien vorherrschen. Wie kommt die Information ins Jugendamt. Die Untersuchung der Todesfälle hat eigentlich gezeigt, dass in allen Fällen, die wir untersucht haben: in 27 Fällen irgendjemand hat gewusst, dass es dem Kind nicht gut geht, ist mit dieser Information aber nicht offensiv umgegangen. Also, die Frage der Sensibilisierung der Öffentlichkeit ist so ein Thema. Und da spielen die Medien natürlich, glaube ich, eine ganz pointierte Rolle."

Unter der Internetadresse www.fachstelle-kinderschutz.de finden Fachkräfte eine virtuelle Brandenburgkarte. Diese gibt ihnen, aber auch interessierten Eltern, Kindern und Jugendlichen einen Überblick über wohnortnahe Hilfs- und Beratungsangebote.

"Die Arbeitsteilung an sich, was den Kinderschutz angeht, haben wir ja im Artikel 6 Grundgesetz, mit der staatlichen Gemeinschaft. Das heißt also Kinderschutz ist Aufgabe aller, die im staatlichen Auftrag unterwegs sind. Also, die Kindertagesstätte, der Sportverein, die Schule, der Mediziner und so weiter."

In Brandenburg bieten inzwischen 18 Netzwerke an 30 Standorten Schwangeren wie Müttern und Vätern umfangreiche Unterstützung an. Nach Angaben des Sozialministeriums begleiten neben den über 1.000 ehrenamtlichen Patinnen und Paten auch Kinderärzte, Gynäkologen, Hebammen und andere Partner mehr als 4.000 Familien.

Durch das neue Kinderschutzgesetz erhält Brandenburgs 'Netzwerk Gesunde Kinder' eine dauerhafte finanzielle Unterstützung aus dem bundesweiten System der "Frühen Hilfen". Künftig können jetzt auch ehrenamtliche Strukturen mit niedrigschwelligen Angeboten, die für Brandenburgs Netzwerke typisch sind, einbezogen werden.

Hans Leitner von der Fachstelle Kinderschutz:
"Die Grundidee des Gesetzes ist, über frühe Hilfen möglichst rechtzeitig und professionell an schwierige Familiensituationen heranzukommen, um es gar nicht zum klassischen Kinderschutzfall kommen zu lassen, sondern eben im präventiven Bereich Familien unter die Arme zu greifen. Weil ich denke, das ist der beste Kinderschutz, Eltern zu helfen."

Allerdings ist das genau die Schwierigkeit, wenn Eltern aus Verzweiflung, Überforderung oder möglicherweise sogar aus Boshaftigkeit nicht mit den Behörden zusammenarbeiten, sondern alles daran setzen, dass sie keine Akte beim Amt bekommen, dass vor allem ihre Kinder nicht als Fall auf den Schreibtischen der Sozialverwaltung landen.

Sozialminister Günter Baaske:
"Nach den jetzigen Kinderschutzregelungen dürfte es nicht passieren, dass ein Kind irgendwo durch die Lappen geht. Es gibt ja inzwischen Meldepflichten, wenn das Kind nicht in der Schule aufschlägt, es gibt Meldepflichten, wenn das Kind in der Schule keine Leistung zeigt, es gibt natürlich auch die moralische Verpflichtung von Eltern, aber auch von Lehrern und Erziehern wirksam zu werden, wenn sie sehen, dass das Kind Benachteiligung erfährt. Also, wenn Kinder die Leistungen nicht in Anspruch nehmen können, hat es in der Regel nicht die Ursache, dass jetzt eine Behörde versagt hat."

Bildungsministerin Martina Münch sieht das anders, ihr reichen die bisherigen Maßnahmen nicht aus:
"Wir erreichen derzeit etwa 50 Prozent der Kinder, die eben die Berechtigung haben, Zuschuss zum Mittagessen, Zuschuss zu Schulausflügen, zu Sportvereinen, zu Musikveranstaltungen zu bekommen. Und da müssen wir noch besser werden."

Die vollständige Reportage finden Sie hier.

zum Seitenanfang